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'Variationen des Wartens' (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 155x168cm

"Von Menschen und Dingen"
Malerei von Christine Reinckens.


Die 1962 geborene Malerin Christine Reinckens lebt seit ihrem Studium an der Kunsthochschule Kassel mitten im Auge der documenta - und bleibt dennoch unangefochten von ihr, denn: Sie fühlt sich der gegenständlichen Malerei verpflichtet, und hier vor allem dem authentischen Ausdruck jener Menschen, die vor ihrer Staffelei sitzen.

Was sie daran so sehr fasziniert, erklärt sie folgendermaßen: "Der Moment des Gemaltwerdens, dieses Versinken und Verharren, erzeugt einen bestimmten Gesichtsausdruck, der gleichzeitig tagträumende Flüchtigkeit und geduldiges Standhalten vereint."

Dieser Moment des gemalten Innehaltens, der sich nicht nur in ihren Menschenbildern, sondern in allen ihren Motiven ausdrückt, wird weit über den deutschen Raum hinaus als eine neue ästhetische Entdeckung interpretiert und bewundert.

Nun zeigt sie ihre Bilder vom 17. Juni bis 17. Juli 2016 in Hohenaschau.

Zur Vernissage am Freitag, 17. Juni, 19.30 Uhr, in der Galerie an der Festhalle laden wir Sie herzlich ein.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mittwoch 16:00 - 18:00 Uhr,
Freitag und Samstag 16:00 - 19:00 Uhr,
Sonntag 10:00 - 12:00 und 16:00 - 19:00 Uhr.

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CHRISTINE REINCKENS

1962 Geboren in Hannover
1982-90 Studium Freie Kunst an der Kunsthochschule Kassel
1992 Mitglied Künstlersonderbund
1994 Gründungsmitglied Kunstbalkon
1994 Deutscher Kunstpreis der Volks- und Raiffeisenbanken
1998 Kulturförderpreis der Stadt Kassel für Projekte des Kunstbalkons
2002-04 Lehrauftrag für Zeichnen, Kunsthochschule Kassel
2007 Wilke Atelierstipendium, Bremerhaven
2009 UPK-Kunstpreis zum Thema Zeit
Seit 1997 tätig als freie Gerichtszeichnerin

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AUSSTELLUNGEN (unter anderem):
Martin-Gropius-Bau, Berlin
Uferhallen, Berlin
Museum für Kommunikation, Berlin
Zentrum für Kultur- und Zeitgeschichte, Berlin
Galerie am Neuen Palais, Potsdam
Haus der Kunst, München
Künstlerforum, Bonn
Kunst und Kultur zu Hohenaschau
Kunstforum Rheinhessen
Stadtmuseum, Langenfeld
Kunststation Kleinsassen
NordArt, Büdelsdorf
Galerie Gering, Frankfurt
Galerie Wagner&Marks, Frankfurt
Galerie Rose, Hamburg
Kunstverein, Kassel
Salon d'Automne, Paris
Galerie Nolte, Portocolom, Mallorca
Maison de Heidelberg, Montpellier
Maison Mésange, Durban-Corbières
China Academie of Art, Hang Zhou
Silkroad Art Festival Shaanxi Museum für Bildende Künste in Xiàn


Elmar Zorn über Christine Reinckens

Spektakulärer Personenauftritte in der Malerei der Gegenwart als die in den Ausstellungen von Christine Reinckens wird man selten finden: etwa ihre Inszenierungen auf Leinwand mit den Frauenkörpern und den roten, sie umschlingenden Tüchern. Da muss man schon zurückgehen in die Kunstgeschichte um eine solche einen geradezu anspringende figürliche Präsenz zu finden, etwa zu Caravaggio in den römischen Kirchen Santa Maria del Popolo und San Luigi dei Francesi. Aber auch in allen anderen Werken von Christine Reinckens ist diese unvergleichliche drastische Plastizität der Figürlichkeit zu erleben. Da handelt es sich weniger um Abbildungen im Rahmen von Tafelmalerei, sondern eher um die Errichtung von Bühnen neuer figürlicher Malerei.

Anders als in der Malerei des amerikanischen Fotorealismus werden die Abgebildeten bei ihr nicht nur in gesteigerter Überdeutlichkeit gezeigt, und uns aus diese Weise nahegebracht. Gleichzeitig entziehen sie sich dem Betrachter durch eine merkwürdige Fremdheit. Dies könnte daher kommen, dass sie durch ihrer jeweilige Isoliertheit auf der Bildfläche ihrer üblichen Kontexte enthoben sind – bis auf die sie reihende Anordnung. Was nämlich fehlt, ist das Vertraut-Versöhnliche, das eine Umgebung auszustrahlen pflegt, sei es Wohnung, Natur- oder Stadtlandschaft. Im Gegenteil: das Ausgesetzte, ja auf den ersten Blick Exhibitionistische dieser Figuren und Figurenfragmente, Kleidungsutensilien und Gegenstände wirkt irritierend.

Zwar ist solch übersteigerter Realismus wie in Reinckens Gemälden nicht unbekannt in der Kunstgeschichte, von Matthias Grünewald über Wilhelm Leibl bis zu Max Beckmann und dem italienischen Neo-Realismus der 1950-er Jahre, jedoch ist es völlig ungewöhnlich mit den Mitteln statischer Malerei einen Verlauf darzustellen, also Zeit zu thematisieren, wie es in Christine Reinckens dominierendem Motiv von gemeinsam Wartenden gestaltet ist. Das heißt nicht nur die Schauseite von den Dingen zu zeigen, sondern auch die des Gebrauchs bzw. der Vernutzung.

Das im Akt des Wartens erfaßte Leben und die durch das gelebte Leben verdinglichte Gestalt der benutzten Gegenstände – wie Schuhe in allen denkbaren Varianten – sind wie mit dem spot eines Scheinwerfers fokussiert. Die auf die Leinwand gelegte Choreografien der individuierten Personen und Gegenstände formieren sich wie für die Aufführungen von Tanztheater und sind typologisch geordnet in Reihungen und Variationen. So sieht der Betrachter von hinten in helldunkel gedämpftem Licht erfaßte Personen, die von einer Aussichtsplattform alle ins Off blicken außer einem kleinen Mädchen, das den Betrachter verschwörerisch anlächelt. Schuhansammlungen sind gestaffelt in lauter Damenschuhe oder Stöckelschuhe, Turnschuhe. Transparente Verhüllungstücher über Gesichtern und Körper verdeutlichen paradoxer Weise die Konturen statt sie zu verbergen. Reihungen von Beinpaaren der gleichen Person, Mädchen- und Frauenköpfe füllen einen sie beengenden Ausguck-Rahmen aus, den sie nicht sprengen können. Mächenpaare und Gesichter kleiner Mädchen nebeneinander sowie immer wieder Wartende auf Bänken bevölkern die stark horizontal ausgerichteten Arsenale von Modellen wie Statisten eines Bühnenstücks und konstituieren Blickachsen auf den Bildern.

Die Wartenden aller Altersklassen und Charaktere- meist jüngere Leute – kommen dem Betrachter aus dem Alltag bekannt vor und stehen ja als Modelle für die Alltagsaufzeichnung, wie auch die Malerin sich und ihren Sohn zu den Wartenden ins Bild hineinkomponiert hat.

Zur Vita der Künstlerin ist zu bemerken, dass sie in Hannover geboren heute in Kassel lebt und arbeitet und von 1987 bis heute in einer beachtlichen Zahl von renommierten Kunstinstituten und Galerien ihren figurativen Kosmos entfaltet hat. Ihre Arbeiten lassen sich am besten zusammenfassen mit dem Titel, den ihr 2012 bei Libelli Ars erschienenes Werkbuch trägt: "Von Menschen und Dingen".

Und wie ein ähnlich klingender Titel der Weltliteratur, John Steinbecks Roman von 1937 "Von Mäusen und Menschen", hat ihr Werk einen großen epischen Atem. Es ist in seiner Dingversessenheit und Detailintensität den Erzählungen von Adalbert Stifter vergleichbar, diesen so sanften wie gewalttätigen Aufbereitungen von Dingwelt-Beschreibungen, etwa der Erzählsammlung "Bunte Steine" ( auch bei Christine Reinckens gibt es bunte Steine als Stillleben-Motiv).

Der Kunstwissenschaftler Harald Kimpel, der in dem oben erwähnten Buch eine aufschlußreiche Analyse von Christine Reinckens Malerei verfaßt hat, sieht eine grundlegende Veränderung ihrer Malerei ab 2005. Nach den Eingrenzungen und Simultan-Sichten, bemerkt er richtig, dass die dargestellten Individuen sich freier entfalten, was sich auch im Wechsel von den bisherigen Ölzu Acryl-Farben widerspiegele, mit der Folge, dass auf naturalistische nunmehr expressionistisch differenzierte Körper- und Gesichtslandschaften ihre Malerei prägen.

Dieser Wechsel scheint mir den Vorteil zu bringen, dass die Künstlerin in tiefere Schichten vorstoßen kann und so einen Erfahrbarbeit des Wesentlichen unter der Oberfläche möglich wird, die geradezu haptisch, also greifbar wir. Es ist daher doch nicht so, wie es auf den erstenBlick bei Christine Reinckens Malerei schien. Man beginnt sich im Laufe der Betrachtung mit den Personen auf den Bildern zu befreunden, die einem vorher fremd und ausgesetzt vorkamen. Immer mehr tritt zutage, was eine Kollegin der Künstlerin, die belgische Malerin und Psychologin, Rita De Muynck, als "Under the Skin", nämlich das unter der Haut liegende, bezeichnet hat, wie es der Titel ihres Buches bei Hirmer München besagt. Solche "sublying structures", um einen Begriffe des amerikanischen Strukturalismus-Forschers Noam Chomsky aufzugreifen, herauszuarbeiten, sie neu zu gestalten und zu verlebendigen mit den Mitteln der Kunst- das ist nicht nur die Botschaft von Reinckens Malerei, es wird auch zum Ereignis eines eindrucksvoll geglückten Neuansatzes.

In einer Situation, in der uns kaum noch die täglich im Fernsehen massenhaft und nahezu in Echtzeit übermittelten Bilder von aberwitzig schrecklichen Flüchtlingstragödien zu erschüttern vermögen, weil wir unsere Abstumpfung sogar bei gutem Wilen nicht verhindern können, lernen wir in Christine Reinckens Gemälden ganz unpathetisch auf Neue das ABC einer zutiefst individuellen Wahrnehmung des Menschen in seiner Gruppe. Denn beides ist gestaltet: die isoliert vorgeführte Person jeweils in Alter, Gestus, Kleidung, zu der wir uns schnell ins Verhältnis setzen können, und die Person in ihrem sozialen Zusammenhang. Doch haben wir es eben nicht mit soziologischen Studien einer Kontextabbildung zu tun, sondern mit studien zur Menschlichkeit, lateinisch Humanität bzw. Humanismus. Die gilt es wieder zu erlernen, denn wir sind gerade dabei sie gründlich zu verlernen, wie wir es vielleicht angesichts dieser Migranten- und Flüchtlingstragödien es auch verspüren konnten, als vereinzelt selbst hartgesottene Journalisten und Politiker aus ihren rituell verkrusteten Zeitzeugenhaltungen ausbrachen, etwa der alte ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm in Idomeni.

Christine Reinckens zeigt keineswegs extremen Schreckensbilder. Ihr Personal der Wartenden auf der Bühne ihrer Tafelbilder, erfaßt zwischen den Zeiten, den Orten und den jeweiligen Befindlichkeiten, ist vielmehr eine – trotz der plastischen Überpräsenz der Figuren- auffallend milde Einladung zu meditativer Langsamkeit, also im Akt des wartenden Einhaltens neue Räume der Emotion und der Kommunikation zu finden, damit möglicherweise andere Entscheidungen vorzubereiten.

Weil das Haptische in der Ding- und Körperdarstellung bei Christine Reinckens über das zutiefst Sinnliche hinaus eine geradezu erotische Wahrnehmung malerischer Figuration nahelegt, scheint mir das Werk dieser Künstlerin über ihre formale Meisterschaft hinaus so wichtig zu sein im heutigen Kunstgeschehen. Denn nur Menschen- und Dingbilder wie die ihren können der täglichen Flut des kalten, emotionslosen Oberflächendesigns, wie wir dies in der Werbung anhaltend vorgesetzt bekommen, ein Korrektiv entgegen setzen. Mit ihren Werken ist dem Betrachter ein neues Kapitel figurativer Malerei vor Augen geführt, wie es zuletzt bei der großen gegenständlichen Malerin Xenia Hausner zu erleben war.

Elmar Zorn



'Variationen des Wartens' (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 155x168cm