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RAYK GOETZE - "STATUS QUO"

4. Mai bis 10. Juni 2018

Der 1964 in Stralsund geborene Rayk Goetze wollte ursprünglich eine Laufbahn als Sportler einschlagen, doch 1991 entschied er sich anders: Er schrieb sich an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein, wurde von Arno Rink und Neo Rauch ausgebildet und hat sich seither zu einem Künstler entwickelt, der sich mit seinen eigenwilligen, faszinierenden Bildern nicht nur in Deutschland einen Namen gemacht hat.

„Status quo“ betitelt Rayk Goetze die Zusammenstellung seiner Werke in Hohenaschau. Warum? Einmal wohl, weil er sich künstlerisch in der italienischen Renaissance beheimatet fühlt, seine Anregungen und Themen allerdings aus dem Heute und der eigenen Biografie bezieht – eingeschlossen sind dabei jene Bilder und Geschichten, die durch die Massenmedien täglich auf uns einströmen. Zum anderen, weil seine Malerei sowohl mit figurativen, als auch abstrakten, sowohl mit realistischen, als auch fantastisch-absurden Formen spielt - Gegensatzpaaren also, die aufeinander einwirken und dennoch ihren eigenständigen Status bewahren.

Die Ausstellung wird mit einer Vernissage, zu der wir herzlichst einladen, am 4. Mai 2018 um 19:30 Uhr in unserer Galerie an der Festhalle eröffnet und läuft bis zum 10. Juni 2018.
Zur Ausstellung spricht Dr. Elmar Zorn.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mittwoch 16:00 - 18:00 Uhr,
Freitag und Samstag 16:00 - 19:00 Uhr,
Sonntag 10:00 - 12:00 und 16:00 - 19:00 Uhr.

 

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RAYK GOETZE
wurde 1964 in Stralsund in der
Deutschen Demokratischen Republik geboren.
1984 bis 1988
war er Kampfschwimmer bei der Volksmarine.
Ab 1991
studierte er Malerei an der Hochschule
für Grafik und Buchkunst Leipzig bei
Arno Rink und Neo Rauch.
1995 / 96
folgte ein Studienjahr an der
Accademia di Belle Arti in Florenz.
Er lebt und arbeitet in Leipzig



Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Status Quo“ von Rayk Goetze in der Galerie von „Kunst und Kultur zu Hohenaschau e.V.“ am 4. Mai 2018

Meine Damen und Herren,

es gibt meines Wissens keinen Ort in Deutschland, an dem zeitgenössische Malerei aus Leipzig außerhalb von Leipzig so wiederkehrend präsent ist und so intensiv auf höchstem Niveau gezeigt wird, wie hier in dieser Kunsthalle, den Galerieräumen von „Kunst und Kultur zu Hohenaschau“.
Bereits 2011 im Katalog zum 20. Jubiläum dieses Kunstvereins würdigte der unvergessene, vor einem Jahr verstorbene ehemalige Kulturreferent des Landkreises Rosenheim Klaus Jörg Schönmetzler unter der Überschrift „Vom Flügelschlag des Schmetterlings“ diese Sonderstellung:
„Drei Jahre lang wurde der damalige 'Hotspot' Leipzig zum Generalthema der Galerie- und der Name Aschau zur Überraschung der Fernsehmagazine und Feuilletons... Der Realismus wurde spätestens dank Leipzig neue Leitkultur – und die Galerie zu Aschau durch den Paradigmenwechsel zum Treff junger Kunst... Die Definition dessen, was Realismus sei, wurde von neuem hinterfragt. Es wurde statt Hergebrachtem immer auch das Experimentelle, Innovative des Leitthemas ausgelotet.“
Maler wie Yvette Kiessling, Jörg Ernert und Andreas Wachter stellten hier aus und Arno Rink gemeinsam mit Rudolph Distler. Zwar war es allgemein bekannt, dass Arno Rink als Mittelpunkt der zweiten Generation der Leipziger Schule fungierte und die bald Weltgeltung erlangende „Neue Leipziger Schule“ maßgebend initiiert hatte, doch sah man in ihm vorwiegend den wichtigen Lehrer, nicht den großen Maler. Es waren Malerkollegen wie Neo Rauch und Rudi Distler, die unermüdlich auf die Bedeutung der Malerei von Arno Rink hinwiesen. Rudi Distler hat ja dann bei der Rink-Ausstellung vor eineinhalb Jahren die Medien dementsprechend heiß gemacht.
Nicht nur war es daher für Distler eine Genugtuung, dass mit der vor zweieinhalb Wochen eröffneten Perspektive des Gesamtschaffens von Arno Rink im Museum der Bildenden Künste in Leipzig endgültig sein Rang als einer der großen Maler der Gegenwart bestätigt war. Mit der heutigen Ausstellung zum Werk von Rayk Goetze setzen Distler und Goetze als Meisterschüler von Rink sowie Schüler und Kollege von Neo Rauch auf spektakuläre Weise das Wirken von Arno Rink fort.
In der Ikonografie von Goetzes Bilderwelt dominieren drei Stilelemente: die Figuration, das Ornament und die Geometrie. In der Figuration, etwa der malerischen Modellierung der Gesichtszüge durch Farbnuancierungen und präzis gesetzte Licht- Schattenkontraste, legt der Künstler realistische Peinture vom Allerfeinsten vor. In seinen Ornamenten, ausgespielt in den Faltenwürfen der Gewänder und den Kleider-Schleppen seiner weiblichen Figuren, schwelgt Goetze in einer altmeisterlichen Herbeibeschwörung des Kanons malerischer Höhenflüge der Kunstgeschichte, so als müsse er die diesbezüglichen Zeugnisse der Renaissance-Malerei übertreffen. Die Geometrie ist durch obsessiv wiederholte Muster von Kreisen präsent in den Auftritten der dreidimensional imaginierten Personenstaffage auf der Bildbühne. Als flächiges Element trifft es auf die raumgreifenden Figureninszenieruneng und damit auf die Illusion der Malerei, die es auf paradoxe Weise desillusioniert in den zweidimensional ausgemalten Hintergründen und Kreisanordnungen. Es sind geradezu kompositorische Aliens, die die Horizontlinien und den rechten Winkel der Vertikalorientierungen durch Stäbe und Lanzen in die Oberfläche der Leinwand zurückweisen.
Wir sehen etwa ein Bild, in dem sich die Umrisse eines Kleides durch braun akzentuierte Farbketten füllen. Statt eines Gesichtes erscheint ein weißer Kreis, der in Korrespondenz zu anderen Kreisen tritt. So, als habe der Künstler ein Schulbeispiel für antirealistische Figuration durch dekorative und geometrische Elemente vorführen wollen. In einem anderen Bild blickt der Betrachter auf eine Anordnung schwarzer Kleider und Schleier, die einen mittigen, geflochtenen Zopf umgeben, als sei dies die Rückenansicht einer spanischen Dame, vor einem faltenreich herabhängenden Vorhang. Dessen Lokalisierung wird aber so wenig bestimmt, wie die Kleider und Zöpfe, von denen wir nicht wissen, ob sie die Person ausfüllen, oder eher ein Kostüm-Stilleben solcher Accessoires darstellen. Einzig die kleine, im Hintergrund auf diese Anordnung blickende männliche Figur in spanischer Tracht, eindeutig als Person erkennbar, verleiht diesem ornamentalen Aufgebot eine rätselhafte, theatralische Wirkung.
Oder wir blicken auf den bloßen Rücken einer halb angezogenen Frau, gekleidet in einen üppig Falten werfenden Rock. Sie steht in der Öffnung eines horizontalen Jalousie- Gebildes, das mit einem vertikal applizierten Stab den Raum strukturiert. Neben barockem Stuhl-und Kissenmobiliar ragen perspektivenfremde Flächen ins Bildgeschehen, etwa ein königsblauer, malerisch erforderlicher Farbträger. Des Weiteren ein Gemälde, das alle Elemente der persönlichen Bildsprache von Rayk Goetze aufweist: Die Figur einer in rotem Faltenwurf gekleideten Frau, realistisch dargestellt, geht über in flächig papierene Beine mit einem Strumpfmuster wie aufgedruckt. Der Kopf eines Hundes vor ihr wird verdeckt von einer merkwürdig konturierten Blase, quasi der Sprechblase eines Wesens aus einer anderen Welt- der Welt der Zeichnung nämlich, ja, des Comics.
Anders als sonst in der Kunstgeschichte, in der Maler mit der Tradition vor ihnen zitierend oder umwandelnd umgehen und sie so integrieren, stellt Rayk Goetze die Elemente unvermittelt und simultan nebeneinander – gewissermaßen Hybride in der Malerei. Den inszenierten Zusammenstößen auf der Bildfläche eignet eine Kurzschluss-Struktur, eigentlich eine Witz-Struktur. Nach Karl Krauss`Definition ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Gedanken oder Bildern ja der Witz als ein Kurzschluss. Das ist dann auch der Fall und voll ausformuliert in den Zeichnungen. In diesen Bildern und sprachkünstlerischen Sprüchen, zuweilen genüsslich vorgebrachten Kalauern („Toterli“, „Folterli“) ist ein Kompendium unerschöpflicher Einfälle und angedachter Bildergeschichte skizziert, zuweilen mit der Bilderwelt eines Wilhelm Busch vergleichbar, etwa in der Zeichnung mit der Aufschrift „Über die Schwierigkeit viele brennende Kerzen und ein Buch gleichzeitig zu halten“. Für den Betrachter ist es ein reines Vergnügen, diese Vielfalt überbordender Zeichenkunst zu erfassen und die Volten surrealer Fantasie des Komischen nachzuvollziehen.
In Rayk Goetzes Bildsprache ist ein weiterer Hybrid zu finden: das Mischwesen aus Mann und Frau. Vor einem mit dekorativen Emblemen aufgeladenen Hintergrund mit im Ungefähren verbleibenden Gesichtern sehen wir einen voll realistisch ausgemalten Körper, offensichtlich eine weibliche Figur, zwar mit Brüsten, doch mit eher männlich muskulösem Körperbau. Da die sonst nackte Figur einen Slip trägt – sehr unüblich in der durchgehend mythologischen Nacktheit in der Malerei und ganz im Gegensatz zu Arno Rinks unzähligen nackten Frauenkörpern - können wir das Geschlecht nicht erraten. Dieses Spiel mir der Zweigeschlechtlichkeit hat aber auch Rudi Distler beim Hängen umgesetzt, indem er schräg gegenüber die gezeichnete männliche Variante platziert hat, nämlich einen Mann in ähnlicher Haltung und ähnlichem Körperbau wie die Darstellung der Figur im Gemälde, mit zwar kleinen, aber deutlich weiblichen Brüsten.
Weil wir es bei Rayk Goetze mit einem ganz außergewöhnlichen Portaitmaler zu tun haben, ist in der Auswahl der Ausstellung dieser Seite seines Schaffens ein breiter Raum gewidmet. Wir bekommen in einer begeisternden Variationsbreite seine Portaitkunst vorgeführt: der Mann mit dem maskenhaft starren Gesicht etwa, das übermalte Portrait, das trotz konstruierter Verblichenheit den Betrachter mit stechendem Blick trifft, das erschütternd ernsthaft den Betrachter musternde Mädchen, das Portrait einer jungen Frau mit unendlich traurigem Gesicht neben einer gesichtslosen Zwillingsfigur oder die Gesichtsverweigerung durch den weißen Fleck in den Umrissen eines Kopfes, sowie das Portrait eines Mannes mit Wintermütze, das an van Goghs Selbstportrait erinnert, zugleich an Lovis Corinths farbliche Konturierungen.
Das Titelbild dieser Ausstellung mit den beiden Mädchen im Vordergrund versammelt alle Charakteristika von Goetzes Malerei: die meisterlichen Licht- Schattenkontraste in den Körperdarstellungen, die Vermeidung einer einheitlichen Perspektive, die Gleichzeitigkeit von Erzählungen wie die des Mädchens auf dem Schwebebalken und die der Schönen im Hintergrund, das Hereinragen merkwürdiger geometrischer Formen und Teilflächen, das Ausspielen von Mustern und das Verdecken oder gar Zerstören von Gesichtszügen.
Was in Rayk Goetzes Ausstellung in der Galerie Supper in Baden Baden 2016 mit dem Titel „Vorhut“ thematisiert wurde, ist evident auch in dieser Ausstellung: die Wiederauferstehung von Gestalt, Körper und Raum in der Malerei auf eine Weise, dass sie mit nichtgegenständlicher, flächiger Abstraktionsmalerei zu einer verblüffenden Synthese gebracht wird. Deren dystopische Herkunft bleibt aber präsent im Bild.
Insofern sehe ich in der Ausstellung „Status Quo“ die bestätigende Fortsetzung einer der in den letzten Jahren manifest gewordenen Haltung des Malers.
Meine Damen und Herren, wir erleben heute eine ungewöhnliche Gleichzeitigkeit der Eröffnungen mit Werken dieses Künstlers. Neben dieser Ausstellung hier wird heute eine weitere in der Galerie Anette Müller in Düsseldorf eröffnet unter dem Titel „Palimpsest“ in der Werke von Goetze zusammen mit Jesús de la Torre gezeigt werden. Der Titel ist bezeichnend, weil die künstlerische Verfahrensweise eines Palimpsestes, also die Wiederverwertung einer verblichenen Vorlage, die Neuschöpfung möglich macht, zwar nicht der technischen, doch der geistigen Programmatik von Goezte sehr nahe steht. Wenn „Status Quo“, wohl halb erst, halb ironisch gemeint, bestätigt, dass Ausstellungen wie „Palimpsest“ und „Vorhut“ Wege in die Zukunft der Malerei bedeuten, so wie sie Neo Rauch seit 20 Jahren weist und der Vorläufer Arno Rink zeit seines Lebens, so kommt dieser Ausstellung heute eine Bedeutung zu, welche die Bezeichnung „Avantgarde“ wieder neu erfüllen kann.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit!

Elmar Zorn




Rayk Goetze 'Schwebebalg'
Rayk Goetze 'Schwebebalg'